Wie schreibe ich ein Buch? In 6 Schritten zur ersten Kurzgeschichte
Wie schreibe ich ein Buch? Diese Frage tragen viele lange mit sich herum. Liegt dann die leere Seite vor einem, kommen gleich die nächsten: Worüber soll ich schreiben, und darf ich das überhaupt, ohne Autorin oder Autor zu sein?
Für den Anfang gibt es eine kleinere Antwort: Schreiben Sie zuerst eine kurze Geschichte und bringen Sie sie zu Ende. Eine solche Geschichte ist Fiktion: Sie erzählt von erfundenen Figuren und Ereignissen. Dieser Artikel richtet sich an alle, die zum Vergnügen oder für sich selbst schreiben möchten, und führt in sechs Schritten von einem Stoff aus Ihrem eigenen Leben bis zur fertigen kurzen Geschichte.
Auf einen Blick
- Einen Stoff aus dem eigenen Leben wählen: eine Erinnerung, ein Gefühl oder ein Bild
- Eine Figur anlegen, die Ihnen ähnelt, aber nicht Sie ist
- Die Geschichte auf eine Szene und ein Ereignis eindampfen
- Gefühle durch Handlungen zeigen statt benennen
- Ohne Korrekturen bis zum Ende schreiben
- Einen Tag liegen lassen und einmal überarbeiten
Warum eine Geschichte und kein Tagebuch?
In Tagebuch und Essay spricht das Ich selbst. Je ehrlicher, desto besser wird der Text, und gerade deshalb bleiben manche Dinge ungeschrieben: der Satz, den man der Familie nie gesagt hat, die Sache, für die man sich seit Jahren schämt, ein Gefühl, für das es keinen rechten Namen gibt.
In einer Geschichte spricht eine andere Figur. Jemand mit anderem Alter, anderem Beruf und anderem Wohnort erlebt, was Sie erlebt haben. Durch diesen Abstand können Sie erzählen, was im Tagebuch nie stand. Wer die Geschichte liest, weiß nicht, wessen Geschichte es ist. Das wissen nur Sie.
Ihre erste Geschichte braucht deshalb keine aufwendige Welt und keine überraschende Wendung. Sie fangen mit dem an, was Sie schon mitbringen.
1. Einen Stoff aus dem eigenen Leben wählen
Wer den Stoff anderswo sucht, bleibt lange bei der Frage hängen, worüber er schreiben soll. Im eigenen Leben ist er schon da. Notieren Sie zu den drei Punkten unten, was Ihnen gerade einfällt und woran Sie hängen bleiben.
- Erinnerung: ein Tag, der Ihnen bis heute ab und zu einfällt. Er muss nicht groß sein. Das leere Zimmer am Umzugstag etwa, oder die erste Zugfahrt allein.
- Gefühl: etwas, das Sie oft spüren, aber selten aussprechen. Dass man das, was man sagen will, am Ende doch herunterschluckt und geht. Oder dass einem ein Lob eher unangenehm ist.
- Bild: etwas, das Ihnen grundlos im Kopf geblieben ist. Ein Laden, in dem spätabends als einzigem noch Licht brennt. Jemand, der in der letzten Reihe im Bus weint.
Wählen Sie von allem, was Sie notiert haben, nur eines aus. Wer mehreres mischt, bekommt eine große Geschichte, und eine große Geschichte ist beim ersten Mal schwer zu Ende zu bringen.
Für das Beispiel in diesem Artikel nehmen wir das Gefühl, etwas herunterzuschlucken, das man eigentlich sagen will.
2. Eine Figur anlegen, die Ihnen ähnelt, aber nicht Sie ist
Schreiben Sie den Stoff so auf, wie er Ihnen passiert ist, wird daraus ein Tagebucheintrag. Für eine Geschichte brauchen Sie eine Figur, die dieses Gefühl an Ihrer Stelle erlebt.
Die Regel dafür: Das Gefühl bleibt, die äußeren Umstände ändern sich.
| Was sich ändert | Was bleibt | |
|---|---|---|
| Was | Alter, Geschlecht, Beruf, Wohnort, Familienverhältnisse | Das gewählte Gefühl und der Moment, in dem es aufkommt |
| Beispiel | Nicole, 38, hilft ihrem Vater in seiner kleinen Reinigung im Viertel | Seit einem Monat bringt sie es nicht über sich, ihm zu sagen, dass sie aufhören will |
Andere Umstände haben zwei Vorteile. Menschen aus Ihrem Umfeld erkennen Sie darin schwerer wieder. Und Sie selbst schreiben offener, weil Sie denken können: Das ist Nicoles Sache.
Für den Anfang legen Sie nur drei Dinge über die Figur fest.
- Was will sie? Nicole möchte aus der Reinigung aussteigen und etwas anderes machen.
- Was hält sie davon ab? Ihr Vater hat den Laden lange allein geführt. Sie fürchtet, dass er zusammenbricht, wenn sie es ihm sagt.
- Eine Angewohnheit oder Redeweise: Wenn ihr etwas unangenehm ist, macht sie das, was sie gerade tut, noch gründlicher.
Lange Charakterbögen und eine ausgearbeitete Vorgeschichte brauchen Sie nicht. Beim Schreiben kommt so viel dazu, wie die Geschichte verlangt. Wenn Sie Ihre Figur doch genauer festhalten möchten, hilft die Vorlage für Charakterbögen.
3. Die Geschichte auf eine Szene und ein Ereignis eindampfen
Für den ersten Text eignet sich eine sehr kurze Form, oft Flash Fiction genannt: etwa 500 bis 1.000 Wörter, zwei bis vier Buchseiten. Bei dieser Länge dampfen Sie die Geschichte so ein:
- Ein Ort: in der Reinigung
- Ein Zeitpunkt: der Abend, an dem der Laden schließt
- Eine Veränderung: Sagt Nicole es, oder sagt sie es nicht?
Legen Sie das Ende vorher fest. Spricht Nicole es am Ende aus, schluckt sie es wieder herunter, oder lässt sie es ihren Vater auf andere Weise wissen? Alle drei Enden funktionieren. Wer das Ende kennt, verläuft sich unterwegs nicht.
In drei Zeilen sieht die Handlung des Beispiels so aus:
- Kurz vor Ladenschluss nimmt Nicole sich vor, es heute zu sagen, und lässt das Rollgitter herunter.
- Ihr Vater erzählt von einer Stammkundin und kommt auf seine Pläne fürs nächste Jahr. Nicole fängt wieder an zu bügeln.
- Sie bringt es nicht über sich. Stattdessen schreibt sie mit dem Kugelschreiber etwas in das Auftragsbuch, das ihr Vater liegen gelassen hat.
Drei Zeilen reichen für eine ganze Geschichte.
4. Gefühle durch Handlungen zeigen statt benennen
Am häufigsten stockt es beim ersten Schreiben so: Man schreibt „Nicole war traurig“ oder „Sie fühlte sich bedrückt“, und dann fällt einem nichts mehr ein. Ein benanntes Gefühl ist nach einer Zeile erledigt. Ein Gefühl, das sich in Handlungen zeigt, wird zu einer Szene.
Nicole war bedrückt, weil sie ihrem Vater nicht sagen konnte, dass sie aufhören wollte.
Derselbe Moment, über Handlungen erzählt:
Nicole breitete das Hemd, das sie schon gebügelt hatte, noch einmal auf dem Bügelbrett aus. Mit den Fingerspitzen strich sie wieder und wieder die Kragenecken glatt. Während ihr Vater davon sprach, nächstes Jahr ein neues Schild über die Tür zu hängen, stieg zweimal Dampf aus dem Bügeleisen.
Das Wort „bedrückt“ kommt nicht vor, und trotzdem merkt man, dass Nicole etwas herunterschluckt. Hier kommt die Angewohnheit aus Schritt 2 zum Einsatz: Wenn ihr etwas unangenehm ist, macht sie das, was sie gerade tut, noch gründlicher.
Nicht jeder Satz muss so geschrieben sein. Es genügt, den wichtigsten Moment der Geschichte über Handlungen zu zeigen.
5. Ohne Korrekturen bis zum Ende schreiben
Wer beim Schreiben anfängt, frühere Sätze zu verbessern, feilt einen ganzen Tag am ersten Absatz. Das Ziel der ersten Fassung ist deshalb, bis zum Ende zu kommen. Um gute Sätze kümmern Sie sich später.
- Holprige Sätze bleiben stehen. Was zu verbessern ist, sehen Sie sich in Schritt 6 gesammelt an.
- Wo Sie hängen bleiben, setzen Sie nur eine Markierung. Schreiben Sie etwas in eckige Klammern, etwa „[hier sagt der Vater irgendwas]“, und gehen Sie zur nächsten Szene.
- Schreiben Sie auf das Ende aus Schritt 3 zu. Wenn Ihnen der letzte Satz schon eingefallen ist, notieren Sie ihn ruhig vorab.
Sie müssen nicht alles in einem Zug schreiben. Ein paar hundert Wörter am Tag, bis Sie beim festgelegten Ende ankommen, reichen.
6. Einen Tag liegen lassen und einmal überarbeiten
Überarbeiten Sie den Text am selben Tag, füllen die Bilder in Ihrem Kopf die Lücken, und Sie bemerken sie nicht. Lesen Sie ihn deshalb erst nach etwa einem Tag wieder, so, als läsen Sie ihn zum ersten Mal. Laut gelesen fallen Sätze, an denen man hängen bleibt, noch leichter auf.
Achten Sie diesmal nur auf drei Dinge:
- Ist allein aus dem Text zu erkennen, was Nicole will und was sie zurückhält?
- Gibt es Sätze, die ein Gefühl benennen und die sich in eine Handlung umschreiben lassen?
- Sind die eckigen Klammern aus Schritt 5 gefüllt?
Wenn das erledigt ist, ist Ihre Geschichte fertig. Sie müssen sie niemandem zeigen. Wenn Sie es doch möchten, gibt es Orte für kurze Texte: Im Forum Wortkrieger stellen Mitglieder seit Jahren Kurzgeschichten zur Diskussion und bekommen Rückmeldungen, mit einem eigenen Bereich für Flash Fiction. Auf FanFiktion.de gibt es neben Fanfiction die Rubrik „Freie Arbeiten“ für eigene Texte. Und viele Volkshochschulen bieten Kurse und Schreibgruppen zum kreativen Schreiben an, in die Sie Ihren Text mitnehmen können.
Wenn Sie gerade erst anfangen, nehmen Sie sich heute nur eines vor: Wählen Sie aus Schritt 1 eine Erinnerung, ein Gefühl oder ein Bild und halten Sie es in einer Zeile fest.
Häufige Fehler
- Gleich einen ganzen Roman planen: Wer zuerst eine Welt und zehn Figuren entwirft, ist erschöpft, bevor der erste Satz steht. Für den Anfang ist die Länge am besten, die Sie zu Ende bringen können.
- Sich selbst zur Hauptfigur machen: Mit dem eigenen Namen und der eigenen Lage schreibt man schwer ehrlich, und die Geschichte wird wieder zum Tagebuch. Ändern Sie die äußeren Umstände und behalten Sie nur das Gefühl.
- Immer mehr Sätze schreiben, die Gefühle erklären: Ein stärkeres „traurig“ oder „einsam“ macht das Gefühl nicht größer. Zeigen Sie in einer Szene, was die Figur tut.
Die erste Geschichte mit TypeTak zu Ende schreiben
TypeTak ist ein KI-Schreibeditor, in dem Sie gemeinsam mit einem Agenten schreiben. Damit bringen Sie eine kurze Geschichte über einen Stoff aus Ihrem eigenen Leben bis zum letzten Satz.
- Nicole bleibt Nicole: Halten Sie an einem Ort fest, was Sie in Schritt 2 über Nicole entschieden haben: was sie will, was sie zurückhält, ihre Angewohnheit. Der Agent liest das, bevor er antwortet. Fragen Sie, was Nicole an dieser Stelle sagen würde, passt die Antwort zu der Figur, die Sie angelegt haben.
- Sie sehen, wie weit Sie sind: Setzen Sie ein Tagesziel von 300 Wörtern, dann steht unter dem Editor, was Sie heute geschrieben haben, etwa
180 / 300. Während Sie wie in Schritt 5 ohne Korrigieren bis zum festgelegten Ende schreiben, sehen Sie, wie viel noch fehlt. - Ein zweiter Blick nach einem Tag Pause: Holen Sie sich nach Ihrem eigenen Durchgang in Schritt 6 Feedback. Sie bekommen einen Gesamteindruck, die Stärken und die Stellen, an denen der Text noch hakt, jeweils mit einem Hinweis, wie Sie sie überarbeiten. Wo Nicole gegen die Angewohnheit handelt, die Sie ihr gegeben haben, wird das gesondert angezeigt.
Was Sie erzählen und wie viel von sich Sie darin zeigen, entscheiden Sie.
Häufige Fragen
Kann ich eine Geschichte schreiben, auch wenn ich noch nie geschrieben habe?
Ja. Bei der ersten Geschichte kommt es weniger auf schöne Sätze an als darauf, bis zum Ende zu kommen. Wenn eine kurze Geschichte fertig ist, fällt die nächste deutlich leichter.
Erkennen mich Menschen aus meinem Umfeld wieder, wenn ich über mich schreibe?
Wenn Sie Alter, Beruf und Wohnort der Figur ändern und nur das Gefühl behalten, ist das schwer. Falls Sie bei einer Stelle unsicher sind, ersetzen Sie Ereignisse oder Sätze, die nur diese eine Person kennen kann, durch andere.
Wie lang sollte meine erste Geschichte sein?
So lang, dass Sie sie zu Ende bringen. Mit 500 bis 1.000 Wörtern lässt sich eine Geschichte mit einer Szene und einem Ereignis vollständig erzählen.
Muss ich jeden Tag schreiben?
Nein. Wichtig ist, beim festgelegten Ende anzukommen, und jeder schreibt in seinem eigenen Tempo. Wer zwei-, dreimal pro Woche ein paar hundert Wörter schreibt, hat eine kurze Geschichte gut in einem Monat fertig.
Und wie wird daraus irgendwann ein Buch?
Aus mehreren kurzen Geschichten kann ein Erzählband werden, oder eine davon wächst zu einem Roman. Figur, Ende und Szene bleiben dieselben Werkzeuge. Mehr Planung braucht vor allem die Frage, wie viele Ereignisse die Geschichte trägt und in welcher Reihenfolge sie kommen.
Ich möchte eine Webnovel schreiben. Fange ich genauso an?
Eine Figur anlegen und das Ende vorher festlegen gehört auch dort dazu. Eine Webnovel erscheint aber lang und in Fortsetzungen, deshalb müssen Sie Umfang und Rhythmus der Kapitel eigens planen. Wie das geht, lesen Sie unter Webnovel mit KI schreiben in 7 Schritten.
Quellen
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