Mary Sue: Bedeutung, Gary Stu und so überarbeiten Sie die Figur

Eine Mary Sue ist eine Figur, die alles kann, ohne es gelernt zu haben, keine nennenswerte Schwäche hat und von allen um sie herum geliebt wird, sodass ihre Szenen keine Spannung mehr tragen. Der Vorwurf fällt in Reviews und Kommentaren meist dann, wenn ein Sieg der Hauptfigur nicht als Triumph gelesen wird, sondern als Bevorzugung durch die Autorin.

Dieser Artikel erklärt, was Mary Sue bedeutet und wie der Begriff 1973 in einem Star-Trek-Fanzine entstand. Danach geht es um verwandte Begriffe wie Gary Stu, um die typischen Merkmale und die Gründe, aus denen eine Figur zur Mary Sue wird, und um die Grenze zwischen einer übermächtigen Hauptfigur und einer Mary Sue. Zum Schluss folgen ein Beispiel, bei dem dieselbe Figur einmal als Mary Sue und einmal überarbeitet auftritt, eine Reihenfolge für die Überarbeitung und eine Checkliste zum Kopieren.

Auf einen Blick

  1. Ob eine Figur eine Mary Sue ist, hängt weniger davon ab, wie stark sie ist, als davon, ob ihre Fähigkeiten und ihre Beliebtheit einen Preis haben.
  2. Der Name stammt von der Heldin einer Star-Trek-Parodie, die Paula Smith 1973 schrieb. Die männliche Form heißt Gary Stu.
  3. Eine starke Hauptfigur wirkt nicht wie eine Mary Sue, wenn Sie früh festlegen, woher ihre Stärke kommt und wo sie endet, und sich daran halten.
  4. Hängen Sie bei der Überarbeitung keine dekorative Schwäche an. Schreiben Sie eine Szene, in der die Figur wegen dieser Schwäche tatsächlich etwas verliert.

Mary Sue: Bedeutung

Mary Sue ist ursprünglich ein Begriff aus der Fanfiction. Gemeint war eine Figur, die im Original nicht vorkommt, in die Geschichte hineinspaziert, die Liebe und Bewunderung aller Canon-Figuren auf sich zieht und jedes Problem allein löst. Inzwischen wird das Wort auch für Figuren aus Romanen, Serien und Filmen verwendet.

Diese Merkmale werden am häufigsten genannt:

  • Die Figur beherrscht auch Dinge, die sie zum ersten Mal tut, und die Geschichte erklärt nicht, woher sie das kann.
  • Fast alle Figuren mögen oder bewundern sie, sobald sie ihr begegnen.
  • Macht sie einen Fehler, wird sie in Schutz genommen, oder der Fehler erweist sich am Ende als richtig.
  • Ereignisse und die Regeln der Welt drehen sich um diese Figur und laufen zu ihren Gunsten.

Ein einzelnes Merkmal macht noch keine Mary Sue. Erst wenn alle vier zusammenkommen und man beim Lesen denkt, „bei der klappt sowieso alles“, gibt es in ihren Szenen nichts mehr, worauf man gespannt sein könnte. An der Mary Sue stört also der Verlust dieser Spannung. Ihre Stärke allein wäre kein Problem.

Herkunft: „A Trekkie's Tale“ (1973)

Mary Sue heißt die Heldin der kurzen Parodie „A Trekkie's Tale“, die Paula Smith 1973 schrieb. Sie erschien im Star-Trek-Fanzine „Menagerie“, das Smith gemeinsam mit Sharon Ferraro herausgab.

Bei dem Fanzine gingen damals immer wieder Einsendungen mit derselben Handlung ein: Eine junge Frau kommt an Bord der Enterprise, gewinnt im Handumdrehen die Herzen der Besatzung, löst jede Krise und stirbt schließlich einen Heldentod, den alle betrauern. Um dieses Muster aufs Korn zu nehmen, machte Smith Mary Sue zur Heldin, „die jüngste Leutnantin der Flotte, erst fünfzehneinhalb Jahre alt“. Laut der englischen Wikipedia dachten die beiden zunächst auch an männliche Namen wie Murray Sue oder Marty Sue.

Danach verbreitete sich der Name als Bezeichnung für idealisierte Figuren, und mit ihm die Kritik daran, wie er benutzt wird:

  • Häufig wird bemängelt, dass der Begriff an weibliche Figuren geheftet wird, während männliche Hauptfiguren mit denselben Merkmalen unbeanstandet bleiben. Smith selbst sagte 1980, die Parodie habe nicht „alle Geschichten über inspirierende Frauenfiguren schlechtmachen“ sollen.
  • Tisha Turk, Schreibdozentin am Grinnell College, meinte, am Ende entscheide nicht die Autorin, sondern die Leserschaft, wer eine Mary Sue ist. Dieselbe Figur kann für die eine Person eine Mary Sue sein und für die andere nicht.
  • Die Herausgeberin Edith Cantor schrieb, so wie man einem Hund den ersten Biss nachsehe, solle man auch jeder Trek-Autorin eine Mary Sue zugestehen. Für sie war das eine Phase, durch die die meisten beim ersten Schreiben einmal gehen.

(Die Zitate sind für diesen Artikel aus dem Eintrag „Mary Sue“ der englischen Wikipedia übersetzt.)

Gary Stu und verwandte Begriffe

Bei männlichen Figuren spricht man von Gary Stu oder Marty Stu, gelegentlich auch von Larry Stu. Im Deutschen bleibt man oft einfach bei Mary Sue. Das Glossar von FanFiktion.de hält ausdrücklich fest, dass eine Mary Sue weder weiblich noch neu erfunden sein muss.

Begriff Bedeutung Unterschied zur Mary Sue
Gary Stu, Marty Stu Männliche Mary Sue Nur das Geschlecht ist anders
Self-Insert Eine reale Person, oft die Autorin oder der Autor selbst, wird in die Welt des Fandoms versetzt Beschreibt, wer in der Geschichte steckt. Ein Self-Insert kann eine Mary Sue werden, muss aber nicht
OC (Original Character) Eine selbst erfundene Figur neben den Canon-Figuren Sagt nur, dass die Figur neu ist. Ob sie eine Mary Sue ist, hängt davon ab, wie sie geschrieben wird
OP-Protagonist Eine übermächtige Hauptfigur („overpowered“, aus der Gaming-Sprache) Bezieht sich nur auf die Stärke. Ist die Stärke angekündigt und hat sie einen Preis, spricht man nicht von einer Mary Sue
Reader-Insert (x Leser) Die Lesenden selbst sind die Figur an der Seite einer Canon-Figur Ist eine Form innerhalb des Genres. Wann eine solche Figur zur Mary Sue wird, steht in x Reader und Self-Insert schreiben

Warum eine Figur zur Mary Sue wird

Eine Mary Sue entsteht meistens, wenn die Autorin ihre Figur zu sehr liebt. Kaum jemand schreibt absichtlich eine. Oft beginnt es mit einem der folgenden fünf Gründe und verfestigt sich dann von Kapitel zu Kapitel.

  1. Sie schreiben sich selbst hinein. Wenn Sie der Figur genau das geben, was Sie gern wären, fällt es schwer, sie scheitern zu lassen. Sich selbst hineinzuschreiben ist kein Problem, solange Sie der Figur auch etwas wegnehmen können.
  2. Sie streichen Fehler aus Angst, dass die Figur nicht gemocht wird. Wer aus Sorge um die Sympathie jede Kante der Hauptfigur abschleift, behält am Ende eine Figur, die nur nett und fähig ist.
  3. Der Charakterbogen enthält nur Stärken. Wenn Aussehen, Talent und Herkunft in jedem Feld etwas Besonderes sind, wird die Figur zu einer Liste von Besonderheiten. Füllen Sie im Charakterbogen zuerst die Felder „Was sie will“ und „Schwäche“ aus, dann passiert das seltener.
  4. Die Nebenfiguren sind nur Staffage. Wollen die anderen Figuren nichts Eigenes, bleibt ihnen nur, die Hauptfigur zu bewundern oder sie herauszufordern und zu verlieren. In Fanfiction heißt es OOC, wenn Canon-Figuren auf diese Weise ihren Charakter verlieren. Wie Sie das vermeiden, steht in OOC: Bedeutung und 10 Fragen.
  5. Der Druck, in jedem Kapitel zu gewinnen. Wer in Fortsetzungen veröffentlicht, fürchtet, dass Lesende nach ein paar zähen Kapiteln abspringen. Wird jede Krise gleich im nächsten Kapitel mühelos gelöst, verliert die Hauptfigur am Ende kein einziges Mal.

In Fortsetzungsgeschichten: OP-Protagonist oder Mary Sue?

Viele lesen Fortsetzungsgeschichten, etwa auf Wattpad, gerade wegen einer starken Hauptfigur. Koreanische Webnovels finden seit Jahren ihr Publikum mit Hauptfiguren, die in die Vergangenheit zurückkehren und die Zukunft kennen, ein Statusfenster wie in LitRPG-Geschichten sehen oder von Anfang an die Stärksten sind. In Korea nennt man eine solche Figur „Munchkin“ (nach dem Rollenspieler-Begriff für jemanden, der seinen Charakter maximal stark baut). Trotzdem wird dieselbe Sorte Held in einer Geschichte gefeiert und in einer anderen als Mary Sue abgetan. Den Unterschied machen meist diese Punkte:

Starke Hauptfigur, die Spaß macht Hauptfigur, die als Mary Sue gelesen wird
Woher die Stärke kommt Aus einer Regel, die im ersten Kapitel versprochen wurde: Rückkehr in die Vergangenheit, Training, ein System Es gibt keine Quelle, oder immer dann, wenn es nötig ist, taucht eine neue Fähigkeit auf
Grenzen der Stärke Es steht fest, was die Figur nicht kann und was der Einsatz kostet Es gibt keine Grenze, oder sie verschwindet gleich wieder
Spannung in der Krise Man weiß, dass sie gewinnt, will aber wissen, wie Auch das Wie interessiert niemanden
Nebenfiguren Gegner und Rivalen handeln aus eigenen Gründen und haben auch Gründe, die Hauptfigur nicht zu mögen Alle bewundern sie, und wer sie nicht mag, ist nur Bösewicht
Genugtuung Vorher hat sich Frust angestaut, deshalb tut der Durchbruch gut Sie gewinnt jedes Mal, ohne dass sich etwas angestaut hat, und die Genugtuung wird schwächer

Koreanische Leserinnen und Leser haben für die letzte Zeile eigene Wörter: „Saida“ (Limonade) für den erlösenden Moment und „Goguma“ (Süßkartoffel, die einem im Hals stecken bleibt) für den Frust davor.

Am wichtigsten ist die erste Zeile. Wer eine Geschichte mit dem Titel „Der stärkste Rückkehrer“ anklickt, hat schon akzeptiert, dass die Hauptfigur stark ist. Stärke innerhalb dieses Versprechens liest niemand als Mary Sue. Kritisiert wird Stärke, die nie versprochen wurde. Wenn eine Hauptfigur, die bisher mit ihrem Wissen aus der Zukunft durchgekommen ist, plötzlich eine uralte Magie beherrscht, die sonst niemand kennt, stehen bald Kommentare wie „Die Autorin schiebt ihn durch“ darunter.

Kapitelweise betrachtet zeigt sich die Mary Sue direkt nach dem Kapitelende. Bricht ein Kapitel mitten in der Krise ab und löst sich diese Krise in der ersten Szene des nächsten Kapitels ohne jeden Preis, nimmt beim nächsten Cliffhanger niemand mehr die Gefahr ernst. Wird die Krise mit einer Kraft gelöst, die vorher nie vorkam, ist das außerdem eine Deus ex Machina. In beiden Fällen liegt das Problem darin, dass die Lösung dem widerspricht, was die Geschichte vorher festgelegt hat, und deshalb niemand sie glaubt.

Ist die Hauptfigur einer Verwechslungskomödie eine Mary Sue?

„Angeblich bin ich Schwarzmagier, dabei kann ich nur Erde schaufeln“ ist die Verwechslungskomödie, die im TypeTak-Kurs Eine Webnovel Schritt für Schritt entsteht, eine koreanische Webnovel, auf Koreanisch geschrieben. Im Koreanischen klingen „Erdmagie“ und „Schwarzmagie“ gleich, und darauf beruht der ganze Witz. Von außen betrachtet ähnelt Clay Rowen einer Mary Sue: Kaum aufgenommen, bekommt er ein Sonderstipendium, die ganze Akademie zittert bei allem, was er tut, Professorin Seraphine ist voller Bewunderung, und sein adliger Rivale Lucian hat Angst vor ihm.

Trotzdem liest niemand Clay als Mary Sue. Dafür gibt es drei Gründe.

  • Sein Ruf beruht auf einem Missverständnis. Die Akademie bewundert eine Schwarzmagie, die Clay nie gewirkt hat. Wer liest, kennt die Wahrheit und sieht, wie Clay mit jedem Lob tiefer in Schwierigkeiten gerät.
  • Das Missverständnis hat einen Preis. Seraphine will seine Kraft prüfen und lässt ihn immer gefährlichere Prüfungen ablegen, und jedes Mal, wenn Clay etwas richtigstellen will, lobt man nur seine „Bescheidenheit“. Er wollte einen Abschluss und eine sichere Stelle, doch je größer das Missverständnis wird, desto weiter rückt beides weg.
  • Jemand kennt die Wahrheit. Seine Freundin Mia weiß, dass Clay Erdmagier ist, und lässt sich nichts anmerken. Weil in einer Geschichte, in der alle getäuscht werden, eine Person nicht getäuscht wird, bleibt Clay auch innerhalb der Geschichte ein Mensch in einer schwierigen Lage.

Beispiel: Clay als Mary Sue und Clay überarbeitet

Der Unterschied wird deutlich, wenn man Clay absichtlich in eine Mary Sue verwandelt. Die „Mary-Sue-Fassung“ unten ist für diesen Artikel als Beispiel erfunden, die „Kursfassung“ entspricht dem Setting aus dem Kurs.

Feld Clay als Mary Sue Clay in der Kursfassung
Element Er hat in Wahrheit alle Elemente geerbt: Erde, Schwarz, Feuer, Wasser Nur Erdmagie. Der Prüfstein hat sie bloß als „Schwarz“ gelesen
Grenzen Keine. Jeden Zauber, den er einmal sieht, kann er nachmachen Er bewegt nur Erde, die er mit der Hand berührt, und wird dabei müde
Was er will Nichts Besonderes. Es läuft ohnehin alles gut Mit einem Abschluss und einer sicheren Stelle seine Familie unterstützen
Seraphine Verehrt ihn vom ersten Tag an und erlaubt ihm alles Bewundert seine „Bescheidenheit“ und lässt ihn immer gefährlichere Prüfungen ablegen
Lucian Verliert das erste Duell, ist gerührt und wird sein treuer Gefolgsmann Hat weiter Angst vor ihm und fordert ihn trotzdem immer wieder heraus
Mia Ist heimlich in ihn verliebt und bewundert ihn ständig Kennt die Wahrheit, tut ahnungslos und bügelt jedes größer werdende Missverständnis aus
Fehler Jeder Fehler erweist sich am Ende als die richtige Entscheidung Je mehr er erklären will, desto tiefer wird das Missverständnis

In der Mary-Sue-Fassung endet fast jedes Feld in Bewunderung für Clay. In der Kursfassung steht in jedem Feld etwas, das ihn in Schwierigkeiten bringt. Selbst bei denselben Ereignissen bleibt in der Kursfassung die Frage offen, wie er sich diesmal herauswindet.

Als Szene sieht das so aus. Die erste öffentliche Übung in Teil 2 (ungefähr Kapitel 41 bis 45: Clay repariert mit Lucian in einer Gruppe eine rissige Mauer des Übungsplatzes) ist eine Szene, die in früheren Artikeln als Beispiel festgelegt wurde.

  • Mary-Sue-Fassung: Clay hebt einmal die Hand, und die ganze Mauer steht wie neu da. Lucian fällt auf die Knie und sagt: „Ich habe mich geirrt.“ Seraphine bekommt feuchte Augen und spricht von einem „Talent, wie es nur alle hundert Jahre vorkommt“. Die Studierenden, die zugesehen haben, klatschen.
  • Kursfassung (die Leiter ist für diesen Artikel als Beispiel festgelegt): Clay füllt die drei unteren Reihen, an die er herankommt, und lehnt sich dann mit dem Rücken an die Mauer, um Luft zu holen. Die Risse weiter oben erreicht er nur, wenn er auf eine Leiter steigt und die Hand darauflegt. Lucian setzt zu einem spöttischen „Ein Schwarzmagier auf einer Leiter?“ an, doch als Clay sich umdreht, verstummt er und tritt einen Schritt zurück. Mia hält die Leiter fest und sagt leise: „Für heute reicht's. Deine Hände zittern.“

Auch in der Kursfassung schafft Clay die Übung. Sein Erfolg hat aber einen Preis, nämlich die Erschöpfung und die Grenze, dass er die Erde berühren muss. Lucian weicht aus eigener Angst zurück, und Mia weiß, wie es Clay wirklich geht. Mitfiebern kann man gerade mit einer Figur, die diesen Preis zahlt und es trotzdem schafft.

Mary Sue überarbeiten in sieben Schritten

Wenn eine Figur, die Sie schon geschrieben haben, wie eine Mary Sue wirkt, müssen Sie sie nicht neu erfinden. Ändern Sie in dieser Reihenfolge ein Feld nach dem anderen.

  1. Schreiben Sie in einer Zeile auf, was die Figur will und was ihr im Weg steht. Etwa: „Clay will einen Abschluss, aber das Missverständnis, er sei Schwarzmagier, versperrt ihm den gewöhnlichen Weg.“ Fehlt eins von beiden, hat die Figur keine Geschichte.
  2. Legen Sie für jede Fähigkeit eine Sache fest, die sie nicht kann, und einen Preis. Halten Sie es kurz, etwa „nur Erde, die er berührt“ und „macht müde“, und bestimmen Sie das Kapitel, in dem diese Regel zum ersten Mal sichtbar wird.
  3. Schreiben Sie eine Szene, in der die Schwäche tatsächlich etwas kostet. Steht die Schwäche nur im Charakterbogen und schadet der Figur im Manuskript nie, liest man sie, als gäbe es sie nicht.
  4. Stellen Sie eine Figur auf, die Ihre Hauptfigur nicht mag. Diese Figur braucht eigene Gründe. Lucian ist Clay gegenüber misstrauisch, weil er als Adliger stolz ist und Angst vor Schwarzmagie hat.
  5. Lassen Sie die Regeln der Welt nicht für die Figur gelten, wie es ihr passt. Wird die Akademieordnung oder ein magisches Prinzip nur für die Hauptfigur außer Kraft gesetzt, geben Sie der Ausnahme einen Grund oder streichen Sie sie.
  6. Zählen Sie die lobenden Dialogzeilen. Lobt eine andere Figur die Hauptfigur in einem Kapitel öfter als drei- oder viermal, verwandeln Sie einige dieser Zeilen in Handlung. Man glaubt einer Figur eher, was man selbst gesehen hat, als was andere über sie sagen.
  7. Notieren Sie, wie sich die Figur verändert. Eine Figur, die von Anfang an fertig ist, hat kein Ziel mehr. Tragen Sie in eine Character-Arc-Tabelle Kapitel für Kapitel ein, woran sie anfangs glaubt und was sie später erkennt. Dann sehen Sie auch, wo sie scheitern kann.

Mary-Sue-Checkliste

Gehen Sie die Liste durch, wenn Sie eine neue Figur angelegt haben oder wenn Ihre Fortsetzungsgeschichte bei 20 bis 30 Kapiteln angekommen ist. Anders als ein Mary-Sue-Test, der Punkte vergibt, dient diese Liste dazu, die Stellen zu finden, an denen Sie überarbeiten sollten. Jede Zeile mit „Nein“ ist eine solche Stelle.

Mary-Sue-Checkliste
[Fähigkeiten]
Erfährt man in der Geschichte, woher die Fähigkeiten der Figur kommen:
Gibt es für jede Fähigkeit mindestens eine Sache, die sie nicht kann:
Ist der Preis für den Einsatz (Erschöpfung, Kosten, Nebenwirkungen) im Manuskript zu sehen:
Wenn eine neue Fähigkeit dazukommt, wird der Grund durch ein Ereignis gezeigt:

[Scheitern]
Gibt es in den letzten 10 Kapiteln eine Szene, in der die Figur scheitert oder verliert:
Gibt es eine Szene, in der sie wegen ihrer Schwäche tatsächlich etwas verliert:
Fallen die Folgen eines Fehlers auf die Figur selbst zurück:

[Nebenfiguren]
Gibt es jemanden, der die Figur nicht mag oder ihr misstraut, aus einem anderen Grund als Bosheit:
Wollen die Nebenfiguren etwas, das nichts mit der Hauptfigur zu tun hat:
Bleibt es bei höchstens drei oder vier lobenden Dialogzeilen pro Kapitel:

[Welt und Fortsetzung]
Gelten Regeln wie die Akademieordnung oder magische Prinzipien auch für diese Figur:
Wurde die Krise vom Kapitelende im nächsten Kapitel nicht ohne Preis gelöst:
Steht fest, in welche Richtung sich die Figur verändern wird:

Die Mary-Sue-Tests, die im Netz kursieren (oft als „Litmus-Test“ bezeichnet), zählen für jede Frage Punkte zusammen und urteilen dann, ob eine Figur eine Mary Sue ist oder nicht. Um die eigene Figur einmal kritisch anzusehen, taugen sie. Wo Sie ansetzen sollen, sagt Ihnen eine hohe Punktzahl aber nicht. Haben Sie in einem Test viele Punkte bekommen, fangen Sie mit den Zeilen an, bei denen in der Checkliste oben „Nein“ steht.

Häufige Fehler

Das Zittern der Hände, die schriftliche Prüfung und das Duell mit Lucian in den folgenden Szenen sind für diesen Artikel als Beispiel festgelegt.

Eine Schwäche als Dekoration anhängen. Wer einmal den Vorwurf Mary Sue gehört hat, gibt der Figur schnell eine niedliche Schwäche, etwa einen schlechten Orientierungssinn oder Ungeschick beim Kochen. Eine Schwäche ohne Folgen für die Geschichte lässt die Figur aber nur noch perfekter wirken.

  • Vorher: Clays Magie ist makellos, nur verläuft er sich oft in den Fluren der Akademie. Weil er sich verläuft, entdeckt er zufällig eine geheime Bibliothek.
  • Nachher: Nach einem großen Erdzauber zittern Clays Hände eine Weile. In der schriftlichen Prüfung am Tag nach der Übung kann er den Stift kaum halten und schafft nur die Hälfte der Antworten.

Diese Schwäche gefährdet direkt das, was Clay will: den Abschluss.

Aus Angst vor der Mary Sue die Hauptfigur unfähig machen. Lassen Sie die Hauptfigur dagegen ständig verlieren und andere die Probleme lösen, fragt man sich, warum sie überhaupt die Hauptfigur ist.

  • Vorher: Als verrotteter Boden gefunden wird, weiß Clay nicht weiter, und Seraphine übernimmt die ganze Untersuchung.
  • Nachher: Clay legt die Hand auf den verrotteten Boden und belebt die Erde wieder. Ein paar Tage später ist sie erneut verrottet. Zum ersten Mal merkt Clay, dass es etwas gibt, das seine Magie nicht heilen kann.

Hier schafft Clay es mit eigener Kraft und stößt gleich danach an deren Grenze. Die Szene ist zugleich eine Vorausdeutung auf Teil 3, „Die Spuren echter Schwarzmagie“. Wie man solche Hinweise setzt, steht in Foreshadowing & Chekhov's Gun.

Nebenfiguren dumm machen, damit die Hauptfigur glänzt. Ist der Rivale ohne Grund töricht, wiegt auch der Sieg der Hauptfigur wenig.

  • Vorher: Lucian fordert Clay heraus, ohne den Prüfungsstoff zu kennen, und verliert beim ersten Versuch.
  • Nachher: Lucian hat bis kurz vor dem Duell den Prüfungsstoff gelernt und seine Zauberformeln geübt. Doch in dem Moment, in dem Clay die Hand auf den Boden legt, denkt er „Schwarzmagie“ und bringt seine Formel nicht zu Ende.

Weil Lucian an seiner eigenen Angst scheitert, hängt Clays Sieg nicht an Zufall oder einem unfähigen Gegner, und die Szene bekommt den Witz, von dem eine Verwechslungskomödie lebt.

Mary Sue in TypeTak prüfen

TypeTak ist ein KI-Schreibeditor, in dem Sie gemeinsam mit einem Agenten schreiben. Notieren Sie im Figurenknoten Ihrer Welt, was die Figur will, welches Geheimnis sie hat und wo ihre Fähigkeiten enden. Wenn Sie nach einem Kapitel in der Symbolleiste Feedback anfordern, nennt es neben Stärken und Schwächen des Textes auch die Stellen, die den zugehörigen Knoten in der Welt widersprechen. Steht bei einer Figur „bewegt nur Erde, die er berührt“ und versetzt sie im Manuskript eine weit entfernte Burgmauer, wird genau diese Stelle angezeigt. Wie Figuren festgehalten werden, legen Sie in den Regeln zum Ordnen der Welt fest, etwa: „Im Figurenknoten Schwächen und das, was die Figur dadurch verloren hat, notieren.“ Wenn der Agent neue Fakten aus dem Manuskript beim Ordnen der Welt übernimmt, folgt er dieser Regel. Ob Sie eine angezeigte Stelle ändern oder so lassen, entscheiden Sie.

FAQ

Was bedeutet Mary Sue?

Eine Mary Sue ist eine Figur, die alles kann, ohne es gelernt zu haben, keine nennenswerte Schwäche hat und von allen geliebt wird, sodass ihre Szenen keine Spannung mehr tragen. Der Name stammt von der Heldin einer Star-Trek-Fanfiction-Parodie aus dem Jahr 1973.

Was ist ein Gary Stu?

Gary Stu, auch Marty Stu, ist die männliche Form der Mary Sue. Im Deutschen sagt man oft auch bei männlichen Figuren einfach Mary Sue, und laut Glossar von FanFiktion.de muss eine Mary Sue nicht weiblich sein.

Schreibt man Mary Sue oder Mary-Sue?

Allein stehend schreibt man Mary Sue, wie den englischen Namen. In Zusammensetzungen werden nach deutscher Rechtschreibung alle Teile mit Bindestrich verbunden: Mary-Sue-Test, Mary-Sue-Figur.

Ist jede übermächtige Hauptfigur eine Mary Sue?

Nein. Kommt die Stärke aus einer Regel, die im ersten Kapitel versprochen wurde (Rückkehr in die Vergangenheit, Training, ein System), gibt es Dinge, die die Figur nicht kann, und einen Preis, und handeln die Nebenfiguren aus eigenen Gründen, dann hat man Spaß an der starken Hauptfigur. Den Vorwurf Mary Sue hört man, wenn immer dann eine nie versprochene Fähigkeit auftaucht, wenn sie gebraucht wird.

Wie aussagekräftig ist ein Mary-Sue-Test?

Um die eigene Figur einmal kritisch anzusehen, ist er brauchbar. Die Punktzahl sagt Ihnen aber nur, ob die Figur eine Mary Sue ist, nicht, wo Sie überarbeiten sollen. Für das Manuskript hilft es mehr, wie in der Checkliste oben die Stellen mit „Nein“ zu suchen und dort anzusetzen.

Unter meiner Fortsetzungsgeschichte steht, die Hauptfigur sei eine Mary Sue. Was nun?

Prüfen Sie zuerst, ob die Hauptfigur in den letzten Kapiteln mehrmals hintereinander ohne Preis gewonnen hat. Statt bereits veröffentlichte Kapitel stark umzuschreiben, zeigen Sie besser in den nächsten Kapiteln die Grenzen der Figur und eine Szene, in der sie tatsächlich etwas verliert. Das verwirrt Ihre Leserschaft weniger.

Quellen

Mary Sue, Definition und Herkunft
Wikipedia – Mary SueFanFiktion.de – Glossar

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